Autofrischling Vanessa

Nessi das Fahrgetüm

Vanessa war aufgeregt. Sie saß im Auto ihrer Mutter und begleitete eben diese zu einem ihr bisher fremden Ort. Häuser und Bäume flogen an ihnen vorbei. „Komisch“, murmelte Nessi „hier fliegen sogar Häuser und Bäume...!“. „Nein“, warf ihre Mutter ein, „nein, das sieht doch nur so aus.“ Als ob sie das nicht wüsste. Nessi grübelte. Was hatte ihre Mutter vor? Das fragte sich wahrscheinlich auch Jack. Jack saß im Kofferraum. Jack war ein Hund. Hunde sitzen oft in Kofferräumen. Als irgendwann nur noch Bäume und Wiesen vorbei flogen, bogen die beiden Ahnungslosen ab. Fast mitten im Wald. „A-S-S-E-L-B-O...“ weiter kam Nessi nicht. „Asselborner Weg!“ „Verstehe.“ Sie verstand nichts. Jack sah sie fragend an. Er verstand auch nichts.
Das änderte sich schlagartig, als sie einen alten Bauernhof befuhren und sie Hundegebell vernahmen. Nessi erinnerte sich daran, dass ihre Deutschlehrerin einmal gesagt hatte, dass die Vergangenheitsform von „bellen“ einmal „boll“ war. Sie würde also morgen ihrer Schwester erzählen, dass Jack boll, als er die Hundestimmen Gewahr wurde. Sie stiegen aus und Nessi nahm Jack an die Leine. Gerade früh genug, den Unwissenden von seiner Erleuchtung abzuhalten. Eine Dame Mitte 40 kam auf sie zu. „Guten Tag Frau Gügel!“ „Guten Tag Frau Krämer.“ „Dann stellen Sie sich doch bitte mal dort drüben zu den anderen in einer Reihe auf.“ Frau Krämer war voll in ihrem Element. Die anderen samt Hunden irgendwie auch, aber Nessi verstand nur Bauernhof. Und das ist für diese Umstände schon recht viel. Fürs erste hielt sie es für das beste einfach mit zu spielen. Was auch immer hier für eine Spiel gespielt wurde, verdammt!
Die Krämer stand nun vor der Gruppe, die sie, bis auf Vanessa, erwartungsvoll ansah. Sie kommandierte: „Steh!“ Alles stand. Das war auch nicht weiter schwierig. Was sollte das? Lebenserhaltungstraining für Doofe? Sicherlich kam gleich noch „...einatmen...ausatmen...“, nee, oder? Genau: nee.
Krämer wurde ein Stück größer: „Sitz!“ Um Nessi herum entstand nun geschäftiges Treiben. „Was zur...?!?“ Ohne das Treiben zu beachten suchte sie händeringend nach einem Stuhl. Naja, zumindest eine Bank...Stein....Boden? Sie sah sich um: Alles saß. Nicht alles, nein, fast. Die Hunde saßen, die Menschen nicht. „Wenn das so ist...“, murmelte Nessi. Es war so. Sie flüsterte den schwarzen Hund, der neben ihr stand, an. „Duuu? Du, Jack. Jacki!“ Jacki hatte besseres zu tun als zurück zu flüstern. Stehen halt.
Die ersten Stehenden wandten ihre Köpfe. „Du Jacki, wir zwei Hübschen müssen jetzt stark sein. Ich meine so richtig stark. Bitte, bitte, bitte, setz dich doch hin. Jacki!“ „Klappts da hinten?“, die Krämer. „Jaaa, prächtig! Er saß schon, haben Sie gesehen?“ Tolle Idee! „Nee, nicht gesehen. Machs halt noch mal.“, die Krämer wurde hartnäckig. Nessi wippte nervös mit dem Fuß. Nun wollte sie ihn in die Knie zwingen! „Jacki? Setzt du dich halt mal?“ Jacki interessierte sich nicht die Bohne für das nervöse Ding am anderen Ende der Leine.
Vanessa begann an der Leine zu rütteln. Keine Reaktion. Auch wenn Nessi den Befehl „Platz“ noch nicht vernommen hatte, gleich wäre es so weit. Gleich würde Nessi platzen! Sie fühlte, wie ihr die Galle hoch kam: „Jack!!! SITZ!!!“, das saß. Und Jack gleich mit. „Geht doch“, Vanessa versuchte möglichst cool zu wirken. „Ist halt gut erzogen, was?“ Ohne eine passende Antwort abzuwarten trat sie aus der Reihe heraus, nickte der Krämer zu, sagte laut „na dann brauchen wir ja gar keine Hundeschule, was?“, hielt auf ihre Mutter zu, hakte sich mit dem leinenlosen Arm bei ihr ein, schliff sie und Jack zum Auto, verstaute beide darin und schwor sich:

„Ich mache jetzt den Führerschein, damit mir SO ETWAS nie wieder passiert!!!“

So kam es dann auch. So etwas passierte ihr nie wieder. Aber sie uns doch recht häufig. Wegen des Führerscheins versteht sich.

Alle im Artikel genannten Personen und Ereignisse sind fiktiv. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt!